Nach aktuellen Berechnungen des bifg (BARMER Institut für Gesundheitssystemforschung) hätten im Jahr 2025 bundesweit etwa 3,5 Millionen vollstationäre Krankenhausbehandlungen grundsätzlich ambulant erfolgen können. Das entspricht etwa jedem fünften Behandlungsfall. Im Vergleich lag das errechnete Potenzial mit 4,5 Millionen Fällen beziehungsweise 24 Prozent 2019 noch deutlich höher. Zwischen den Bundesländern schwanken die errechneten Anteile leicht, aktuell von 17,8 Prozent in Bremen bis zu 21,9 Prozent in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt.

Die im Versorgungskompass veröffentlichten Berechnungen berücksichtigen Leistungen aus dem IGES-Gutachten zum ambulanten Operieren und dem Hybrid-DRG-Katalog. Medizinische und patientenbezogene Kontextfaktoren, die eine stationäre Versorgung erforderlich machen können, fließen ebenfalls ein. Beschrieben wird damit ein weiterhin großes Verlagerungspotenzial.

Die eine Sicht: Hybrid-DRGs erhöhen Fallzahlen und Ausgaben

Das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO) hat in einem umfangreichen Paper zu Hybrid-DRGs und in einer begleitenden Pressemitteilung die bisherige konkrete Wirkung der Hybrid-DRGs beurteilt. Das proklamierte Ergebnis: Hybrid-DRGs lassen Fallzahlen und Ausgaben in die Höhe schnellen. Für die untersuchten Leistungen stieg die Zahl der Behandlungsfälle 2025 gegenüber dem Vorjahr um 17 Prozent. Inflationsbereinigte Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung erhöhten sich um 14 Prozent (rund 360 Millionen Euro).

Der tiefergehende Einblick zeigt: Die Versorgungsbereiche entwickeln sich unterschiedlich. Krankenhäuser melden einen Anstieg der untersuchten Fälle um sechs Prozent, die Ausgabenseite stieg dabei parallel um den gleichen Prozentwert. Im vertragsärztlichen Bereich erhöhten sich die Fallzahlen demgegenüber um 65 Prozent, die Ausgaben sogar um 112 Prozent.

Das WIdO führt diese Entwicklung insbesondere auf die Vergütungsanreize der Hybrid-DRGs zurück. Es werden keine Aussagen zur Kostenstruktur der ambulanten Fälle selbst abgeleitet; vielmehr setzen die Vergütungen wohl Anreize für zusätzliche Mengen und führen infolgedessen zu höheren Gesamtausgaben im vertragsärztlichen Bereich. Das angedachte Potenzial einer kostengünstigeren ambulanten Versorgung gilt es unter den genannten Bedingungen erst noch zu realisieren.

Ein Arzt spricht mit einer ambulanten Patientin

Die andere Sicht: Ambulante Leistungen bleiben für Krankenhäuser herausfordernd

Eine weitere Perspektive eröffnet eine bereits länger zurückliegende Untersuchung des Deutschen Krankenhausinstituts (DKI), basierend auf einer Datenbasis aus dem Jahr 2019. Für ambulante Krankenhausleistungen waren im Durchschnitt nur 66 Prozent der entstandenen Kosten durch die EBM-Erlöse (Einheitlicher Bewertungsmaßstab) gedeckt.

Angeführte Ursachen sind unter anderem höhere Personalkosten, andere Qualifikationsstrukturen, Sachkosten sowie die vorzuhaltende Krankenhausinfrastruktur, also tatsächliche Kosten, die den jeweiligen EBM-Vergütungen nach der Gebührenordnung für ambulante Leistungen gegenüberstehen und zur Unterdeckung führen. Leistungen im Krankenhaus können gleichzeitig medizinisch ambulant durchführbar und wirtschaftlich defizitär sein.

Allerdings beruht der DKI-Ergebnisbericht auf Daten, die im Hinblick auf die enormen Digitalisierungserfolge im Gesundheitswesen wahrscheinlich nur noch eingeschränkt auf das heutige Hybrid-DRG-System (ausgewählte sektorengleiche Leistungen) übertragbar sind. Deutlich wird aber nach wie vor, dass die Verlagerung einer Behandlung vom stationären in den ambulanten Bereich aus Sicht eines Krankenhauses finanziell von Nachteil sein kann.

Potenzial und Wirtschaftlichkeit verbinden

Der vermeintliche Widerspruch der drei unterschiedlichen Fragestellungen – Welche heute stationär behandelten Fälle könnten medizinisch grundsätzlich ambulant versorgt werden? Welche Auswirkungen hat das neue Vergütungssystem auf Fallmengen und GKV-Ausgaben? Decken Vergütungen die Kosten ambulanter Krankenhausleistungen? – lässt sich jedoch auflösen: Ein großes medizinisches Ambulantisierungspotenzial kann auf Vergütungsstrukturen treffen, die zusätzliche Fallzahlen erzeugen und die Kostenstrukturen der Krankenhäuser ungenügend berücksichtigen.

Aus Sicht von POLAVIS entscheidet sich der Erfolg der Ambulantisierung auch an anderer Stelle: an der organisatorischen Frage, wie Patientinnen und Patienten durch Aufnahme, Diagnostik, Behandlung und Nachsorge geführt werden. Mit steigenden ambulanten Fallzahlen wächst hierbei der Abstimmungsbedarf (überproportional): Termine, Räume, Personal, medizinische Informationen und Behandlungsschritte müssen zuverlässig ineinandergreifen. Andernfalls drohen Wartezeiten, Medienbrüche und zusätzlicher Koordinationsaufwand. Das wirkt sich gleichermaßen auf Leistungsfähigkeit und Wirtschaftlichkeit des sektorübergreifenden Versorgungssystems aus.

Eine Krankenhaus-Orchestrierungsplattform (KOP) kann dabei als übergreifende digitale Steuerungsebene dienen. Die bereits erzielten Digitalisierungserfolge aus dem Krankenhauszukunftsgesetz (KHZG), dem Krankenhausversorgungsverbesserungsgesetz (KHVVG) und dem zugehörigen Transformationsfonds bilden hierfür die passende Ausgangsbasis. Die KOP verbindet Menschen, Prozesse, Daten und bestehende IT-Systeme zu einem durchgängigen Behandlungspfad. Veränderungen im Ablauf – etwa das Eintreffen eines Patienten, eine Verzögerung oder die Freigabe des nächsten Behandlungsschrittes – können unmittelbar berücksichtigt werden. Dadurch lassen sich Patienten bedarfsgerecht steuern, Kapazitäten transparenter planen und kurzfristige Anpassungen besser koordinieren.

Digitale Angebote unterstützen diesen Ansatz über die Grenzen des Krankenhauses hinweg. Informationen und Dokumente können bereits vor dem Termin erfasst, Behandlungsschritte vorbereitet und Patienten gezielt informiert werden. Während des Aufenthalts schaffen aktuelle Statusinformationen mehr Übersicht. Nach der Behandlung erleichtern strukturierter Datenaustausch und digitale Kommunikation die Einbindung weiterbehandelnder Einrichtungen und die Organisation der Nachsorge.

Damit wird Ambulantisierung zu einer Aufgabe der sektorübergreifenden Patientenflusssteuerung. Durchgängige digitale Prozesse können den manuellen Abstimmungsaufwand reduzieren, knappe Ressourcen besser nutzbar machen und zugleich die Orientierung für Patientinnen und Patienten verbessern.